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Zum Tod von Otto Flimm: Ein Leben auf der Überholspur

Von Christina Ottersbach | |   Magazin

Otto Flimm, Ehrenpräsident des ADAC und Schirmherr der Christophorusfahrt in Schönenberg, ist im Alter von 90 Jahren verstorben. Fotos: Otto Flimm [Privat]

Es ist die letzte Etage eines Hochhauses, hoch über den Dächern von Brühl. Ein Penthouse aus den 1970er Jahren. Hier hatte Otto Flimm alles im Griff. Die fantastische Aussicht reicht bis zum Nürburgring. Neben dem Büro in seinem Spirituosengroßhandel, welches er bis zuletzt jeden Tag aufsuchte, war dies die heimliche Schaltzentrale für einen Strippenzieher auf höchstem Niveau. Ein mit blauem Teppich ausgeschlagener Aufzug, in der Ecke stilvoll ein Tischchen stehend mit einer Flasche Mineralwasser und einem Glas, brachte die Gäste zu ihm hinauf: in eine andere Welt. Es schien, als sei die Zeit stehengeblieben.

Motorradfreak und Staatsmann

Otto Flimm hatte sich Rang und Namen erarbeitet, bewegte sich nicht nur auf dem internationalen Parkett des Motorsports mit den Berühmten, Schönen und Reichen. Sein Wissen war überall gefragt. Er war immer vorausschauend, immer bis ins kleinste Detail vorbereitet, mit wachem Verstand – als Präsident des größten Verkehrsclubs Europas mit rund 20 Millionen Mitgliedern, dem ADAC, musste er das auch sein. Trotzdem hatte er stets den Schalk im Nacken. Herzlich, offen, mit Rückgrat. Ein Mensch, der etwas zu erzählen hatte. Er machte keinen Unterschied zwischen arm und reich. Wer ihn zum Freund hatte, der hatte einen Freund – Verlässlichkeit, Treue und Loyalität zeichneten ihn aus.

Alles das sah man ihm nicht an. Dem kleinen, drahtigen Motorradfreak, der auch Jockey hätte sein können. Auf einem Foto mit den Politgrößen Rudolf Scharping und Kurt Beck samt Tross wäre manch einer verloren gegangen. Flimm nicht. Er geht vorweg, eine Hand lässig in der Hosentasche.

"Viel zu langsam das Teil"

Otto Flimm wurde am 18. Mai 1929 in Köln als Sohn des Unternehmers Carl Flimm, der in der Domstadt mehrere Spezialgeschäfte für Wein und Spirituosen betrieb, geboren. Aus einer Mittelstandsfamilie kommend, hatte er schon als Kind gelernt, dass Arbeit und Bodenhaftung wichtig sind. Diese hat er sein Leben lang nie verloren. Dennoch war er ein junger Mensch mit vielleicht - aus der Sicht der älteren Generation - Flausen im Kopf. Flausen deshalb, weil die meisten Menschen zu dieser Zeit sich nach Sicherheit und Beständigkeit sehnten. Nicht unbedingt nach Bewegung, welcher Art auch immer, wie der junge Flimm.

Die Flausen behielt er im Kopf. Sie wandelten sich mit dem Älterwerden, aber sie blieben. Als er vor einigen Jahren sein Elektromobil erwarb, weil er nicht mehr so gut voran konnte, grummelte er: "Viel zu langsam das Teil." Es passte ihm nicht. Er, der immer sein Leben mit Vollgas durchzog, sollte jetzt durch die Gegend tuckern. Sicher hätte er es an seine Grenzen gebracht, bis es qualmte – wenn es denn hätte qualmen können. So, wie die unzähligen Reifen und Räder, die er als passionierter Motorradfahrer über die Jahrzehnte verheizte – immer am Limit.

Deutscher Meister

Voller Bewegung und Enthusiasmus war Otto Flimm von Kindesbeinen an. Als Gymnasiast stand er im Tor der Schulfußballmannschaft, war aktiver Handballspieler im Sportverein Brühl. Irgendwann genügte dies nicht mehr. Was kam seinen Visionen näher, als ein Rad, welches stets in Bewegung ist, was sich dreht, keinen Anfang und kein Ende hat? Maschinen, angetrieben von starken Motoren, ähnlich seiner eigenen Persönlichkeit, faszinierten ihn. „Selber machen“, das wollte er. 1951 wurde er Motocross-Fahrer und war 1952 bis 1954 zweimal deutscher Meister in der Klasse bis 500 Kubik. Danach war er bis 1957 als Rallyefahrer erfolgreich.

Mit Erika nach Schönenberg

Schönenberg – diesen Ort hatte er nie vergessen. Und auch die Christophorusfahrt nicht, die er als Motocrossler mit seiner NSU Max 500ccm 1953 auf Anhieb gewann. Nicht wegen des Sieges blieb ihm das Bröltal in Erinnerung. Eigentlich wollte er zur Grünen Hölle mit seiner Maschine. Aber als er durch Köln brauste und am Straßenrand ein blondes Mädchen erblickte, welches ihm sofort gefiel, packte er es ein, machte einen Abstecher zum Kurs nach Schönenberg und verbrachte dort ein unvergessliches Wochenende mit Erika. Da war er wieder, der Schalk. Das verschmitzte Lächeln des Otto Flimm, als er die Geschichte am großen Tisch in seinem Penthouse erzählte.

Flimm war ein Vereinsmeier. 1950 trat er in den ADAC ein und gründete in Brühl den Brühler Club für Motorsport im ADAC. 1950 kam zudem unter seinem Vorsitz eine Segelabteilung hinzu, die am Heider Bergsee ihren Standort hat. „Ich bin entweder in einen Verein eingetreten, oder ich habe einen gegründet“, sagte Flimm einmal. „Hintergrund war immer, dass ich etwas bewegen wollte und heute noch will.“ Auch dem verfallenen Birkenhof in Brühl hauchte er Leben ein. 45 Jahre war er Vorsitzender des Reit- und Fahrvereins Birkhof-Ville, der ein Reitsportzentrum im Naturpark Rheinland betreibt. Dieses Vereinsleben hat er bis zum letzten Atemzug gelebt. Und nicht selten den mahnenden Finger erhoben, wenn es darum ging, Vereinsleben zu zerstören.

Flimm und der ADAC

Als sein ADAC, dessen Ehrenpräsident er zu dieser Zeit war, wegen Betrügereien in die Kritik geriet, fand er klare Worte. „Der ADAC soll sich auf das konzentrieren, wofür er da ist, die Pannenhilfe.“ Er sei kein Unternehmen, das man wie einen Verein führen könne, sondern ein Verein, den man wie ein Unternehmen leiten müsse. Das konnte kaum jemand besser als er. 1988 - da war er schon 16 Jahre Vizepräsident, ein Jahr später wurde er selbst Präsident und blieb es bis 2001 - hatte er die Idee, ADAC Pannenhilfe-Fahrzeuge auf den Transitautobahnen einzusetzen, um sowohl bei Bundes- als auch DDR-Bürgern Pannenhilfe zu leisten. Bequem war er bei solchen Vorstößen nie, aber das wollte er auch nicht sein. Er wollte nicht gefallen. Es ging ihm um die Sache.

Deshalb liebte Otto Flimm auch die Christophorusfahrt und „sein“ Schönenberg und all die Menschen, die sich ehrenamtlich engagierten. Er zog den Hut davor. Kam lieber zu aufs Dorf, als in Monaco am Start zu sein. Nicht nur am Kommerz orientiert sein, sondern mit Freude im Herzen, mit der Vision etwas zu bewegen, das war es, was ihn an dieser Veranstaltung faszinierte. Er feierte philosophierte mit den Schönenbergern. Und immer war er mit der Letzte, der die Feier verließ.

Lebenswerk Nürburgring

Als sein Lebenswerk gilt der Nürburgring. Flimm setzte sich in den 1970er- und 80er-Jahren für den Bau der Grand-Prix-Strecke ein. Als man dem Bau die Mittel sperren wollte, sammelte er mehr als 100.000 Unterschriften. Er gründete den Verein "Ja zum Nürburgring", dessen Vorsitzender er bis zuletzt war. Er sprang immer wieder ein, wenn es am Nürburgring Schwierigkeiten gab. Vergebens war sein Widerstand, als die Rennstrecke 2014 an private Investoren verkauft wurde. Die Zufahrtsstraße zum alten Fahrerlager am Dorint-Hotel trägt dennoch seinen Namen. Die Otto-Flimm-Straße ist auch die offizielle Anschrift des Nürburgrings.

Flimm verstellte sich nicht. Er akzeptierte. Nicht immer. Aber Dinge, die er nicht ändern konnte und machte das Beste daraus. Er beherrschte sein heißgeliebtes gelbes ADAC Motorradgespann, auch wenn im Alter das Aufsteigen mühsam und nur mit Hilfe möglich war, die er annahm. „Ich habe Krebs und mein Arzt versteht nicht, dass ich noch immer lebe“, sagte er vor einigen Jahren scherzhaft und trank dazu Kabänes aus seinem Haus.

Auf der Feier der Letzte

Auch als ihn 2018 eine schwere Krankheit im Ausland übermannte, kämpfte er sich ins Leben zurück. Es passte nicht in sein Konzept, nicht zu seinem Lebensstil, sich so zu verabschieden. Flimm war ein Harter – vielleicht ein wenig Rocker. Im Mai letzten Jahres feierte er ein rauschendes Fest im Phantasialand: An seinem 90. Geburtstag griff zur Trompete, spielte seinen Gästen einen Dankessong. Und er war der Letzte – wie immer – der das Fest verließ.

"Auf meinem Grabstein soll ein Motorradfahrer sein und spielen soll man mir Highway to Hell", erzählte Flimm einmal. Letztlich hat ihn die Straße zu Fall gebracht. Als er vergangenen Freitag mit seinem Elektromobil durch ein Schlagloch fuhr, löste sich ein Rad. Otto Flimm stürzte und erlag wenige Tage später seinen Verletzungen. Tragisch, aber anders hätte er es sich sicher nicht gewünscht.

Otto Flimm, langjähriger Schirmherr, Freund und Mentor der Historischen Rheinischen Christophorusfahrt ist am 10. Februar 2020 im Alter von fast 91 Jahren im Marienhospital Brühl verstorben. Er war Präsident und Ehrenpräsident des ADAC, Träger des Bundesverdienstkreuzes und Erster Ehrenvizepräsident der Motorsportorganisation FIA. Er erlag in der Nacht zu Montag schweren Verletzungen, die er sich bei einem unverschuldeten Unfall mit seinem Elektromobil zugezogen hatte. Mit seiner 2008 verstorbenen Frau Christa hatte er zwei Töchter und drei Söhne. Der älteste Sohn verstarb 1962.

Kommentare

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Anne Schreiber  11.02.2020 18:53

Toll geschrieben, lieben Dank! Wir brauchen mehr Menschen, die Ihren Worten Taten folgen lassen und etwas bewegen, die Begeisterung und echte Lebensfreude versprühen, so wie Otto Flimm.


 

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