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Zur Reichskristallnacht 1938: Erinnerungen des Ruppichterothers Hans Ottersbach

Von Christina Ottersbach | |   Magazin

?Gedenken - Lernen - Wachsamsein?, so der Leitgedanke, unter dem Bürgermeister Drawz, der Bürgerverein Ruppichteroth, der Kameradschaftliche Verein Ruppichteroth, die katholische und evangelische Kirchengemeinde zum heutigen, traditionellen Schweigemarsch einlädt.

Broeltal.de hat mit dem Zeitzeugen Hans Ottersbach (geb.1922) aus Schönenberg gesprochen, um Eindrücke zu sammeln, was wohl ein Ruppichterother damals empfunden hat.

Ottersbach erzählt: Ich komme aus einer gläubigen Familie. In meinem Elternhaus war es an der Tagesordnung, dass jeder Mensch, woher er auch kam, welchen Glauben er auch hatte, mit Respekt behandelt wurde. Das erste Mal, dass ich bewusst damit konfrontiert wurde, dass irgendetwas mit den jüdischen Mitbürgern ?im Gange? war im Januar 1935. Ich reiste mit meiner Mutter - gebürtige Saarländerin -  zur Saarabstimmung. Die jüdische Familie Gärtner, die im heutigen Haus von Dr. Pach wohnte, bat uns, ein Paket nach Lothringen zu Verwandten mitzunehmen, um ein paar Dinge in Sicherheit zu bringen. Meine Mutter und ich wussten nicht, was in dem Paket war. Es war selbstverständlich, dass wir diese Bitte erfüllten. Wir kannten die Gärtners gut und lebten mit ihnen in freundschaftlicher Gemeinschaft zusammen, wie viele Ruppichterother auch. Dass sie jüdischen Glaubens waren interessierte die meisten damals nicht...
 
Am Donnerstag, 10. November 1938, in den frühen Morgenstunden machte ich mich zu Fuß von Ahe nach Ruppichteroth auf, damit ich rechtzeitig um 7 Uhr bei meinen Lehrherren, den Gebrüdern Willach, anlangte. In Ruppichteroth angekommen hörte ich ein lautes Getöse und Klirren im Ort, was wohl aus der Wilhelmstraße kam. Ich machte einen Abstecher von der Brölstraße hoch ins Dorf, neugierig zu sehen, was da los war. Ich sah eine Gruppe fremder Männer. Sie warfen mit Steinen die Fenster der Synagoge ein und versuchten sich dort Eintritt zu verschaffen, was auch gelang. Erregte Nachbarn standen auf der Straße, versuchten durch Fragen und Einschreiten Klarheit zu bekommen. Sie wurden wirsch beiseite befohlen und die Fremden begannen Feuer zu legen. Ich musste weiter, weil ich pünktlich auf der Arbeit sein wollte. Später habe ich erfahren, dass SA und SS Truppen aus dem Oberbergischen die Synagoge angezündet hätten. Das Gebäude war im Innern vollkommen ausgebrannt. Der Judenstern, an der Vorderseite in Stein eingemeißelt, war beseitigt worden. Auch die Fenster des Hauses der Familie Nathan waren zu Bruch gegangen.

Meine nächste markante Begegnung war im Jahre 1941. Ich hatte als Marinesoldat Heimaturlaub bekommen, damit ich an der Beerdigung meines Bruders teilnehmen konnte. Von Königsberg aus war ich mit der Bahn nach Hause gelangt. In Ahe stieg ich uniformiert aus dem Bröltalbähnchen. Der jüdische Mitbürger Gärtner, der in Herrenbröl im Steinbruch arbeitete und in Ruppichteroth gegenüber der alten Schule wohnte, kam zu Fuß von der Arbeit. Er hielt mich an: ?Na Jung, hast Du Heimaturlaub? Sicher schön zuhause zu sein. Ich weiß wie das ist, da ich selbst im 1. Weltkrieg Soldat war.? Wir gingen ein Stück des Weges und plauderten. Auf einmal wurde ich von einer mir bekannten Frau angehalten. Sie fuhr mich an: ?Wie kannst Du Dich als deutscher Marinesoldat in Uniform mit einem Jüdden unterhalten? Dafür wirst Du bestraft und das melde ich weiter!? Ich habe ihr entgegnet, dass ich mir das nicht verbieten lassen würde. Zur Strafe kam es nicht mehr, da ich kurzfristig zurück an die Front auf mein Minensuchboot musste.

(Anm. d. Red.: Gärtner wurde 1942 ins KZ deportiert, wo er mit seiner Familie starb.)

Die Erinnerungen von Hans Ottersbach zeigen, auch in Ruppichteroth gab es solche und solche. Die Reichskristallnacht 1938 war der sichtbare Beginn des wohl schwärzesten Kapitels der deutschen Geschichte. Mit dem zur Tradition gewordenen Schweigemarsch wollen die Ruppichterother in starker Gemeinschaft ein Mahnmal setzen, dass so etwas nie wieder in unserer Heimat passiert: die Vernichtung und Vertreibung einer Minderheit. Heute um 19.30 Uhr ist der Treffpunkt in der katholischen Kirche in Ruppichteroth. Von dort aus startet der Schweigemarsch.

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