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Fußball-WM der Senioren

Ulrich Brandt aus Ruppichteroth spielt bei der Ü70-WM in Brisbane

Von Nicolas Ottersbach | | Sport

Wenn Ulrich Brandt durch die Wälder rund um Kammerich läuft, geht es nicht um einen gemütlichen Seniorenausflug. Er ist drahtig, auch noch mit 70 Jahren. Sein Blick wandert immer wieder zur Pulsuhr. Fünf bis sechs Kilometer stehen auf dem Plan, die Herzfrequenz soll die Marke von 120 Schlägen pro Minute nicht überschreiten. Foto: Ulrich Brandt auf dem Fußballplatz in Schönenberg [Nicolas Ottersbach]

Das ist nur ein Teil seines straffen Vorbereitungsprogramms. Vier bis fünf Tage in der Woche trainiert er derzeit. Im Fitnessstudio schiebt er gezieltes Einzeltraining für Schnelligkeit und Muskelaufbau ein. Auf der Waage bringt er 76 Kilo auf die Anzeige – gerade einmal zwei Kilo mehr als zu Beginn seiner fußballerischen Laufbahn vor fast 60 Jahren. Am 7. Oktober bricht er zu einem sportlichen Abenteuer auf, das für einen Amateurfußballer seines Alters außergewöhnlich ist: Er fliegt mit der deutschen Ü70-Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft nach Brisbane.

Zwei Spiele an einem Tag auf dem Großfeld

Was nach einer lockeren Altherren-Reise ans andere Ende der Welt klingen mag, ist eigentlich ein knochenharter Härtetest. Gespielt wird keineswegs auf Kleinfeld und kleine Tore, wie es bei Altherrenmannschaften meist üblich ist. In Australien geht es über den gesamten Platz: Elf gegen Elf, zweimal 35 Minuten. Acht Partien warten in Brisbane auf die deutsche Auswahl, an manchen Tagen stehen sogar zwei Begegnungen auf dem Programm.

Entsprechend hoch sind die Anforderungen der sportlichen Leitung. Die Trainer besitzen die A-Lizenz, bilden beim DFB selbst Übungsleiter aus und dulden keinen Schlendrian. Brandt teilt diese Einstellung voll und ganz: „Wenn ich als Fußballer Schuhe anziehe und das Trikot anhabe, dann will ich gewinnen. Jeder, der anders tickt, ist fehl am Platz.“

Die Belastung in den gemeinsamen Vorbereitungslehrgängen sei enorm. Zweieinhalb Stunden Training am Vormittag, zweieinhalb Stunden am Nachmittag. „Das hat zur Folge, dass man nach so einem ersten Trainingstag ganz anders die Treppe runtergeht als vor dem ersten Training“, sagt Brandt schmunzelnd. Am Morgen danach tue erst einmal alles weh, bis die Muskulatur wieder warmgelaufen sei.

Empfehlungsschreiben beim Testspiel

Dass Brandt überhaupt im 22-köpfigen WM-Aufgebot steht, war Anfang des Jahres keineswegs sicher. Eine Kniearthrose machte ihm zu schaffen. „Wenn ich nicht hundertprozentig fit bin, wie schön und wie interessant das auch immer ist, ist das nichts für mich“, sagt er. Bei einem Vorbereitungsspiel einer Regionalauswahl Bonn/Rhein-Sieg zeigte er jedoch eine derart starke Vorstellung, dass ihn die Sichter der Nationalmannschaft direkt ansprachen. Brandt hakte beim Trainer nach, vergewisserte sich, dass er auch tatsächlich Spielzeit bekommen würde, und überzeugte in den anschließenden Lehrgängen. Aus einem Kreis von rund 35 Spielern schaffte er den Sprung in den endgültigen Kader.

Die Mannschaft ist bunt gemischt: Kicker aus Rostock sind dabei, Spieler aus Hessen, Württemberg und Schleswig-Holstein. Nur Akteure aus Bayern fehlen komplett im Aufgebot. Um die Belastung im Turnier durchzustehen, setzt das Trainerteam auf stetige Rotation. „Es wird im Grunde genommen keine 1 bis 11 geben, sondern es wird eine 1 bis 22 geben“, erklärt Brandt. Frische Spieler sollen sicherstellen, dass die Spielqualität auch bei zwei Partien an einem Tag aufrechterhalten bleibt.

Begegnung an der Tankstelle

Dass Brandt mit 70 Jahren noch das Trikot mit dem Bundesadler tragen würde, schien jahrzehntelang undenkbar. Mit elf Jahren hatte er in Plittersdorf mit dem Kicken begonnen – auf Drängen seines Vaters, dem die sozialen Werte des Teamsports am Herzen lagen. Als 17-Jähriger wurde er vorzeitig zum Senior erklärt und stieg Mitte der 1970er Jahre mit dem Godesberger FV in die Verbandsliga auf. Auf dem Rasen stand er damals zusammen mit Reinhard Saftig, der später Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen trainierte; an der Seitenlinie gab Trainer Heinz-Dieter Tippenhauer die Kommandos. Als der Verein hochbezahlte Neuzugänge holte, legte Tippenhauer dem jungen Brandt einen Wechsel nahe, um weiter Spielpraxis zu sammeln. Mit 23 ging Brandt zum 1. FC Godesberg, spielte dort zehn Jahre, erwarb die Trainerlizenzen bis zum A-Schein und coachte noch zwei Jahre die Reserve in der Kreisliga.

Mit 34 Jahren zog er wegen Familie und Beruf einen klaren Schlussstrich. Volle 20 Jahre lang berührte Brandt keinen Fußball mehr – bis zu einem Zufallstreffen an einer Tankstelle. Ein alter Bekannter vom Bonner SC traute seinen Ohren nicht, als er hörte, dass Brandt gar nicht mehr spielte, und überredete den damals 54-Jährigen zu einem Training in Hennef. Dort begann für Brandt eine späte Titelserie bei den Alten Herren: Kreismeisterschaften, Mittelrheintitel und Westdeutsche Meisterschaften folgten Schlag auf Schlag. 2018 wurde er mit Hennef in Berlin schließlich Deutscher Ü50-Meister – im Alter von 62 Jahren. „Auf dem Weg dahin haben wir Köln und Leverkusen weggehauen“, erinnert er sich gern zurück.

Ein Turnier auf eigene Rechnung

Wer im Seniorenbereich für Deutschland antritt, darf sich allerdings keine Profiliga-Bedingungen erhoffen. Zwar unterstützt der DFB das Team mit Ausrüstung und Emblemen, die Reisekosten müssen die Senioren-Nationalspieler jedoch aus eigener Tasche zahlen. Rund 2500 bis 3000 Euro kostet den Ruppichterother der Trip nach Brisbane für Flüge und Unterkunft. „Dessen muss man sich bewusst sein, dass man seine Schatulle öffnen muss“, sagt Brandt. Im Grunde handele es sich um einen selbst finanzierten Jahresurlaub, den er im Vorfeld genau mit seiner Frau abgestimmt habe.

Seine Ehefrau reist die lange Strecke nach Australien allerdings nicht mit – eine ganz bewusste Entscheidung. Wenn man sich schon den Strapazen eines derart weiten Fluges aussetze, wolle man das Land unabhängig und auf eigene Faust kennenlernen und nicht an ein starres, vorgegebenes Begleitprogramm gebunden sein, erklärt das Paar.

Dorf statt Großstadt-Trubel

Den nötigen Ausgleich zu sportlichen Belastungen findet Brandt in seiner Heimat. Seit 2014 lebt das Ehepaar im Dorf Kammerich. Nach Jahren im Bonner Raum suchten die beiden gezielt die ländliche Abgeschiedenheit. „Das Haus hat genau das widergespiegelt, was wir haben wollten. Du gehst ein paar Meter raus und bist direkt im Wald“, sagt er. Wenn die beiden heute mal für Erledigungen in Bonn unterwegs sind, reicht meist schon ein kurzer Blickkontakt: „Nach zwei Stunden trinken wir vielleicht noch ein Käffchen und fahren direkt wieder weg.“

Aus dieser bodenständigen Warte heraus blickt Brandt mit deutlicher Kritik auf das moderne Fußballgeschäft. Dass mittlerweile selbst in der Kreisliga mancherorts mehrere hundert Euro an Geldern fließen und Vereine vom Wohlwollen einzelner Sponsoren abhängen, hält er für verhängnisvoll. Brechen die Geldgeber weg, folge der freie Fall. Auch in den Jugendleistungszentren fehle vielen Nachwuchskickern heute jede Bindung zum Heimatverein. Die wahre Seele des Fußballs sieht Brandt an der Basis: „Der DFB hat viel Geld. Aber wenn es die Ehrenamtler in den kleinen Vereinen nicht mehr gibt, dann ist Ende.“ Auch im Nachwuchstraining plädiert er für mehr Gelassenheit. Bis zum Alter von zwölf Jahren sollten Kinder ohne taktische Zwänge bolzen und Freude am Spiel entwickeln dürfen. „Die müssen Spaß an der Freude haben, sich austoben. Kicken, laufen lassen, Ball, Tor, fertig.“

Für Brandt selbst zählt nach fast sechs Jahrzehnten auf den Sportplätzen vor allem die Kameradschaft. Das gemeinsame Zusammensitzen nach dem Schlusspfiff, das gegenseitige Aufbauen nach Niederlagen und das Feiern von Erfolgen. Wie lange er noch die Fußballschuhe schnüren will, lässt er bewusst offen. Schwerwiegende Verletzungen blieben in seiner Laufbahn zum Glück aus, und selbst der Rücken macht bis heute keine Probleme. „Wie sagt meine Frau immer so schön? Ich lebe im Hier und Jetzt, und was morgen oder übermorgen ist, schauen wir mal.“ Zunächst zählt für den 70-Jährigen aus Kammerich also der Anpfiff in Brisbane.

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