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Queeres Erntepaar in Birrenbachshöhe

"Ich wollte mich nicht für das Brauchtum verbiegen und mit einer Alibi-Freundin dort oben stehen"

Von Nicolas Ottersbach | | Magazin

Michael Kaufmann (32) und Philipp Reindahl (33) repräsentieren als erstes gleichgeschlechtliches – und rein freundschaftliches – Erntepaar das Erntefest Birrenbachshöhe vom 28. bis 31. August. Im Gespräch sprechen der Mucher Agrarbetriebswirt und sein Kölner Erntepartner über dörflichen Zusammenhalt, absurde Gerüchte an der Theke, warum sie RTL eine Absage erteilt haben und wieso der Begriff „Erntemutter“ eigentlich ganz witzig ist. Foto: Michael Kaufmann (links) und Philipp Reindahl. [Privat]

Michael, im Jahr 2001 standen deine Eltern Stefan und Marita Kaufmann als Erntepaar im Mittelpunkt des Festes. Jetzt, genau 25 Jahre später, trittst du in ihre Fußstapfen. Wie fühlt sich das für dich an?

Michael Kaufmann: Das ist unheimlich aufregend. Für mich war das ein Kindheitstraum. Ich habe eine sehr tiefe Verbundenheit zum Erntefest und zum Ort. Meine Mutter hat vor sechs Jahren noch im Scherz gesagt: „Mach dir keine Sorgen, bis zum Jubiläum bist du verheiratet.“ Das hat nun nicht ganz geklappt (lacht). Aber ich bin glücklich, dass es jetzt auf diesem Weg klappt.

Philipp, du kommst eigentlich aus Köln und bist ehemaliger Trainer der Kölner StattGarde Colonia Ahoi. Wie wird man als Kölner zum Erntevater – oder der „Erntemutter“ – in Birrenbachshöhe?

Philipp Reindahl: Das war ein Versprechen unter besten Freunden. Ich weiß ja, wie viel Michael dieses Fest bedeutet. Ich habe damals im Spaß – wahrscheinlich in einem leicht angetrunkenen Zustand – gesagt: „Falls du bis 2026 immer noch Single bist, dann mache ich das eben mit dir.“ Und jetzt stehen wir hier. Übrigens bin ich selbst auf dem Dorf großgeworden, nur dass es bei uns Schützenfeste statt Erntefeste gab. Ich kenne und liebe diesen dörflichen Zusammenhalt also sehr gut. Ein Kulturschock war das für mich deshalb nicht.

Michael, dein eigenes Coming-out hattest du damals im Kuhstall beim Melken. Warum war dir dieser so offene und direkte Schritt damals wichtig?

Michael: Das hatte einen ganz einfachen Grund: Ich hatte damals meinen ersten Partner kennengelernt. Wenn man merkt, dass es wirklich passt und man glücklich ist, möchte man das nicht verstecken. Es wäre mir völlig falsch vorgekommen, meiner Familie etwas vorzuspielen.

Wie nehmt ihr das Thema Homosexualität auf dem Land heute wahr? Ist das im dörflichen Raum immer noch ein Tabu?

Michael: In der Stadt kriegst du oftmals erst zwei Wochen später mit, dass nebenan eine Leiche in der Wohnung liegt. Alles ist viel anonymer. Auf dem Dorf hat ein Auto falsch geparkt und das geht sofort durch die ganze Ortschaft. Man guckt also genauer hin, aber das Thema ist heute viel präsenter als früher.

Philipp: Man darf die Großstadt nicht verklären. Selbst in Köln muss man heute leider aufpassen, wenn man händchenhaltend durch die Straßen läuft. Auf dem Land kommt es extrem darauf an, wie man damit umgeht. Wenn die Leute die Berührungsängste verlieren, weil sie sehen: „Mensch, der Michael und der Philipp haben sich gar nicht verändert. Das sind dieselben geblieben, mit denen ich wie früher mein Bierchen an der Theke trinken kann“ – dann verschwindet die Befangenheit. Das Land hinkt der Stadt da heute bei Weitem nicht mehr so hinterher, wie es vielleicht früher einmal der Fall war.

Ihr seid das erste gleichgeschlechtliche Erntepaar in der Geschichte des Erntevereins Wohlfahrt, wahrscheinlich sogar in ganz Deutschland. Gab es im Vorfeld viele Diskussionen im Dorf?

Michael: Ja, natürlich gab es Diskussionen. Mir war es von Anfang an wichtig, die Sache absolut realitätsnah und ehrlich anzugehen. Ich wollte mich nicht für das Brauchtum verbiegen und mit einer Alibi-Freundin dort oben stehen. Ich wollte einen Mann an meiner Seite haben, weil das für meine Zukunft ein tausendmal realistischeres Bild abgibt. Der Ernteverein hat das nach einer Abstimmung auf der Jahreshauptversammlung durch den Vorstand sehr positiv aufgenommen. Alle Menschen aus unserem direkten Umfeld unterstützen uns zu 100 Prozent.

Wie geht ihr mit kritischen Blicken oder Vorurteilen um?

Philipp: Kritische Blicke gehören irgendwie dazu, die gibt es immer – egal, wer da vorne steht. Entweder ist das Dirndl zu eng, der Mann zu dünn oder das Kleid zu bunt. Man kann es nie allen recht machen. Aber kritische Blicke sind auch eine Chance: Solche Leute kann man am Festwochenende davon überzeugen, dass ihre Vorbehalte völlig unbegründet sind. Wer aus Neugierde oder Skepsis kommt – umso besser! Sie werden auf jeden Fall positiv überrascht sein.

Gab es im Netz oder im Dorf Hate gegen euch?

Philipp: Eigentlich überhaupt nicht. Es gab vielleicht ein oder zwei seltsame Facebook-Kommentare, aber das war’s auch schon. Verglichen mit dem, was Michael damals nach seiner Teilnahme bei der RTL-Sendung “Bauer sucht Frau” im Internet erlebt hat, ist das hier absolut gar nichts. Das dörfliche Miteinander ist im echten Leben viel respektvoller, als es manche Kommentarspalten vermuten lassen.

Es gab das humorvolle Gerücht, Philipp sei insgeheim die „Erntemutter“ dieses Festjahres. Wie stehst du zu diesem Titel, Philipp?

Philipp: (lacht) Das ist mir absolut kackegal! Ich finde das unheimlich witzig. Das bedient natürlich genau die klassische Neugier der Leute, die sich fragen, wer von zwei Männern jetzt welche Rolle einnimmt. Unter uns scherzen wir auch darüber.

Michael: Das kommt vielleicht auch daher, dass er beim Tanzen den Damenschritt lernen musste. Aber im Ernst: Es ist schade, wenn manche Menschen alles in starre Schubladen stecken wollen. Es gab Gerüchte wir würden wie im Jungbauernkalender im roten Glitzerschlüpfer auf dem Erntewagen sitzen oder eine Drag-Show aufführen. Wir marschieren ganz klassisch und elegant in bester Tracht auf.

Euer Erntejahr steht unter dem Leitgedanken „Vielfalt verbindet“. Was bedeutet das für euch?

Michael: Dass das Brauchtum für alle da ist. Wir wollen zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind, mit denen man genauso gut ein Bier an der Theke trinken kann. Ich weiß jetzt schon von zwei anderen Vereinen aus der Umgebung, in denen gleichgeschlechtliche Paare in den Startlöchern stehen, die sich das vorher einfach nicht getraut haben. Auch ehemalige Mitschüler, die wegen ihres Outings das Dorf verlassen hatten, kommen dieses Jahr mit ganzen Truppen zurück, weil sie sich durch unsere Rolle wieder willkommen fühlen.

Durch eure Geschichte hat der Ernteverein eine enorme mediale Aufmerksamkeit bekommen. Warum habt ihr RTL und Pro7 für das eigentliche Festwochenende trotzdem eine Absage erteilt?

Michael: RTL hat erst gestern wieder angerufen, aber wir haben uns ganz bewusst gegen Kameras während des Festes entschieden. Bei "Bauer sucht Frau" stand ich als Einzelperson im Fokus, das war okay. Aber ein Erntefest lebt vom Ehrenamt, den Familien und dem ganzen Dorf, die das gemeinsam tragen. Mit einem Kamerateam hat man ständig Verpflichtungen für O-Töne und kann keine Sekunde unbeschwert genießen. Wir wollen feiern, ein schönes Miteinander haben und den Moment genießen.

Auf dem Festkommers am Samstagabend gibt es ein weiteres Novum für Birrenbachshöhe – einen Auftritt des Travestiekünstlers Julie Voyage. Wie kam es dazu und wie passt das zum traditionellen Erntedank?

Philipp: Julie Voyage ist ein guter Freund von uns und stammt ursprünglich aus Ründeroth. Wir dachten uns: Wenn ein solcher Act auf unser Erntefest passt, dann er. Seine Show ist unheimlich witzig und absolut dorfverträglich. Am selben Abend steht übrigens auch der bekannte Schlagersänger Jörg Bausch auf der Bühne. Dank unserer persönlichen Kontakte konnten wir dieses erstklassige Programm im ganz normalen, bewährten Budgetrahmen der Vorjahre realisieren.

Wie groß ist die Vorfreude bei euren Gästen? Stimmt es, dass sogar Fans aus dem Ausland anreisen?

Philipp: Ja, das ist Wahnsinn! Viele Freunde aus Köln haben sich extra Trachten gekauft und reisen mit einem eigenen Shuttlebus an. 

Michael: Ein befreundetes Paar aus der “Bauer sucht Frau”-Community nimmt sogar den Weg aus Ungarn auf sich, um mit uns zu feiern.

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