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Bilanz eines Büttenredners

Döörper Prätscher: "Ich will niemanden in die Pfanne hauen“

Von Nicolas Ottersbach | | Magazin

Er ist der schräge Typ, der alles besser weiß, aber nie gefragt wird – zumindest in seiner Rolle. Wenn Hans-Peter Hohn in seinen Kittel schlüpft, den passenden Hut aufsetzt und den Spazierstock packt, verwandelt er sich in den „Döörper Prätscher“. Seit 30 Jahren ist die Kultfigur der scharfzüngige Chronist des Bröltaler Zeitgeschehens. Foto: Der Döörper Prätscher vor 30 Jahren und heute [Privat/Nicolas Ottersbach]

Doch wer ist der Mann hinter der Maske? Hans-Peter Hohn ist weit mehr als ein Karnevalist. Der Diplom-Verwaltungswirt war 45 Jahre lang beim Rhein-Sieg-Kreis tätig, zuletzt als stellvertretender Kreiswirtschaftsförderer. Er kennt die Flure der Macht also nicht nur aus der Bütt, sondern auch aus dem Berufsalltag. Als Sohn eines Landwirts und Bestatters im Bröltal tief verwurzelt, moderierte er jahrelang den Prinzenempfang des Landrats und führte sogar den ehemaligen Landrat Frithjof Kühn mit einer Abschiedsrede humorvoll aus dem Amt. 

Besonders am Herzen liegt ihm der Erhalt der heimischen Mundart. Hohn ist ein Überzeugungstäter in Sachen „Platt“: Er coachte erfolgreich Grundschulkinder für Mundartwettbewerbe und beweist bei seinen Auftritten von Nümbrecht bis Windeck immer wieder, dass man auf Platt Wahrheiten aussprechen kann, die auf Hochdeutsch viel zu hart klängen. 

Im Interview mit broeltal.de spricht Hohn über die Entstehung seiner Rolle im Jahr 1994, die Kunst der politischen Satire und die Frage, wie lange die Ruppichterother seinen „Döörper Prätscher“ eigentlich noch ertragen müssen.

Wenn du das Kostüm des Döörper Prätscher anziehst: Bist du dann mutiger als im Alltag? 

Hans-Peter Hohn: Ich nehme für mich in Anspruch, auch im Alltag Klartext zu reden – als Vereinsmensch, früher als Vereinsvorsitzender oder auf öffentlichen Versammlungen. Ich stehe auf und sage auch mal: „Leute, geht’s noch?“ Deshalb würde ich nicht sagen, dass ich als Döörper Prätscher mutiger bin. Ich sage immer: Das, was ich als Döörper Prätscher von mir gebe, würde ich demjenigen, der nicht beim Winterfest anwesend ist, auch selber sagen. 

Du hast die Figur mal beschrieben als „schräger alter Typ, der alles besser weiß, aber nie gefragt wird.“ Du bist auch älter geworden. Wirst du der Rolle ähnlicher? 

Hohn: Der Döörper Prätscher ist eine Marke für sich. Aber je älter man wird – ich bin jetzt 69 – wird man auch spezieller. Dann gelingt die Rolle wahrscheinlich eher besser als vor 30 Jahren. Wie hat das alles angefangen – wie ist der Döörper Prätscher entstanden? Hohn: 1994 gab es eine Kommunalwahl. Das war die Abwahl des 15 Jahre lang regierenden CDU-Bürgermeisters – und ein Absturz der CDU im Gemeinderat. Aus meiner Sicht gab es damals in der CDU Dinge, die man so nicht hätte machen sollen, und das hat sich bei der Wahl bitterlich gerecht. So kam ein SPD-Kandidat wie Phönix aus der Asche zum Bürgermeisterposten. SPD und FDP hatten die absolute Mehrheit. Und ich habe vor dem Winterfest 1995 gedacht: Das muss doch mal einer hier aufarbeiten – diesen „Driss“, der da passiert ist. Ich bin dann zu Albert Brummenbaum gegangen, der war seit 1994 Winterfest-Präsident, und ich habe zu ihm gesagt, dass ich einen Büttenredner kenne, der „gut“ sei. 

Woher stammen eigentlich diese Utensilien – Hut, Hose, Jacke, Stock, Sandalen, Aldi-Tüte? 

Hohn: Der Stock und die Sandalen sind noch von meinem Vater. Die anderen Klamotten habe ich mir damals bei der Nachbarschaftshilfe in Sankt Augustin im Secondhandladen gekauft, Hut, Hose, Jacke, – für ein paar Euro. Es ging mir nicht um`s Geld. Mir war aber klar: Der Döörper Prätscher – den Namen habe ich mir ja selber gegeben – das musste eben dieser alte, schräge Typ sein. Und die Aldi-Tüte kommt daher, dass der Döörper Prätscher bestimmt im Aldi einkaufen würde. Die Nummer ist seit Anfang an bis heute völlig unverändert geblieben. Und auch die Dramaturgie: Dass ich in Mundart rede, die ich von meinen Großeltern und von meinem Vater mitbekommen habe. 

Hattest du denn immer so eine Büttenredner-Ader? 

Hohn: Auf dem Hollenberg-Gymnasium in Waldbröl war ich eher einer, der froh war, dass wir bis zu 40 Schülerinnen und Schüler in einer Klasse waren und ich mich hinten verstecken konnte. Aber dank Dr. Dieter Schnell habe ich 1979 den Weg in den Elferrat gefunden. Dort war ich dann bis 2011 insgesamt 32 Jahre lang Elferratsmitglied. Am Anfang haben wir reine Playback-Auftritte gemacht, weil Dieter Schnell immer auf der sicheren Seite sein wollte. Das meine ich nicht negativ – es kam uns ja sehr zupass. Da konnte nichts schiefgehen. Das hat mir schon Bühnenerfahrung gebracht, ohne dass etwas passieren konnte. In der Karnevalssession 1981/82 hat mich dann Erika Schnell gefragt, ob ich nicht Tanzmajor bei den Blue Girls werden möchte. Der vorherige Tanzmajor hatte aufgehört. Das habe ich sechs Karnevalssessionen lang gemacht. Und auch deshalb habe ich mir das zugetraut, so eine Büttenrede selbst zu schreiben und zu halten. Die ersten habe ich handschriftlich verfasst – da hatte ich noch keinen PC. 

Wie kommst du an deine Informationen? Tigerst du durch die Kneipen – oder erzählen dir Leute was? 

Hohn: Ich habe jeweils einen dicken Ordner, sortiert nach Themen: Allgemeines, Ruppichteroth, Schönenberg, Winterscheid, CDU, SPD, Grüne, FDP, Bürgermeister, Wahlen, Jubiläen und so weiter. Da kommt das ganze Jahr viel zusammen, weil ich akribisch bin und mir viele Ereignisse aufschreibe. Es kommt sehr häufig vor, dass ich mir schon mal hier und da Notizen mache. Und: Oft liefern die Ruppichterother selber den Stoff. Viele sagen auch: „Sag das aber nicht“, wenn es ihrer Meinung nach gegen sie selbst gerichtet sein könnte. Dann sage ich: „Du brauchst keine Sorge zu haben. Ich will niemanden in die Pfanne hauen.“ 

Was du machst, ist Satire. Wo ziehst du die Grenze? 

Hohn: Ich habe Korrektive. Meine Partnerin hört sich die Rede vorher genau an, ebenso mein Sohn und meine übrige Familie als kritische Zuhörer. Dann nehme ich Sachen ggf. wieder raus oder nenne Namen eben nicht. Ich habe in den vergangenen 30 Jahren noch nie Ärger bekommen. Keine Anfeindungen, gar nichts. Bis auf die Tatsache, dass Winterscheider bisweilen glauben, ich meine alles persönlich ernst, was ich sage, was aber natürlich nicht der Fall ist. Der Döörper Prätscher ist eine Rolle, und Büttenreden im Karneval müssen nicht politisch korrekt sein. Es liegt im Wesen einer Büttenrede, dass Grenzen durchaus überschritten werden dürfen – Büttenrede ist auch Kunst. Ich bemühe mich aber, und ich glaube, das ist mir bisher weitestgehend gelungen, niemanden vorsätzlich zu beleidigen. Ich möchte niemanden frontal angreifen. Bürgermeister und Politiker, die in der Öffentlichkeit stehen, müssen allerdings mehr aushalten als „einfache“ Bürger. 

Was ich schon mal erlebe, ist, dass Leute mich nach dem Winterfest anrufen und sich beschweren über meine Büttenrede. Aber das sind ausschließlich diejenigen, die die Rede selber gar nicht gehört haben. Das ist dann wie stille Post. Die kriegen das dreimal schlimmer wiedererzählt. Dann sage ich: „Du warst nicht da, du hast es ja gar nicht gehört. Es war in Wahrheit ganz anders.“ Meinen Text gebe ich aber auch dann nicht raus. Ich habe zwar einen Text, in Mundart verfasst, doch in der Sitzung sage ich manches anders, je nachdem, wie die Stimmung ist. Das ist eigentlich genau das, was ich auch in meinen Reden karikiere: Dass Dinge schief, falsch und schräg weitergegeben werden. 

Siehst du dich mehr als Unterhalter – oder als eine Art Hofnarr, der den „Mächtigen“ den Spiegel vorhält? 

Hohn: Beides. Es macht mir beides Spaß. Ich möchte unterhalten, humorvoll sein – aber auch der Politik, dem Bürgermeister sowie dem einen oder anderen den Spiegel vorhalten. Eine Mitte-80jährige hat mir mal nach einer Rede gesagt: „Ich komm nur wegen dir.“ Das ist für mich die höchste Anerkennung. 

Nach 30 Jahren: Hast du noch Nervosität oder Lampenfieber? 

Hohn: Nein. Eigentlich hatte ich das noch nie. Durch Elferrat und Blue Girls habe ich gelernt: Man muss sich anstrengen und üben, dann funktioniert das. Und ich habe mein Manuskript grundsätzlich vor mir in der Bütt liegen. So kann nichts passieren. Ich arbeite auch bis zur letzten Sekunde daran, feile am Text, an Sätzen, Worten, Satzstellungen, damit der Gag wirklich auf den Punkt kommt. Manchmal überrascht es mich dennoch, dass ein Witz besser ist als vorher gedacht – aber Sorge habe ich keine. 

Warum ist dir das Ganze in Döörper Mundart so wichtig – und nicht auf Hochdeutsch? 

Hohn: Weil man in Mundart Dinge besser und leichter transportieren kann. Wenn ich es auf Platt sage, ist es weniger verletzend, als wenn ich das jemandem auf Hochdeutsch um die Ohren haue. Mundart ist ein gutes Medium, um den Witz zu transportieren. Ist Mundart also weicher, verzeihlicher? Hohn: Ich glaube, weniger verletzend als Hochdeutsch. Ich finde es schade, dass nicht mehr so viel Mundart gesprochen wird. 

Was machst du, wenn dein Publikum dich nicht mehr versteht? 

Hohn: Dann höre ich auf. Wenn die Mundart so weit ausstirbt, dass das Winterfest-Publikum das nicht mehr versteht – dann lasse ich es. Im Moment ist es aber nicht so. 

Hast du Lieblingsmomente aus 30 Jahren? 

Hohn: Wenn die Mitte-80jährige zu mir sagt: „Ich komm nur wegen dir“ – das ist die höchste Ehre. Ich mache das ja bewusst in Mundart, und tendenziell verstehen mich ältere Menschen besser. Einen einzelnen Moment aus einer Rede kann ich nicht herausheben, weil es in jeder Büttenrede schöne Momente gibt – wenn Leute sich kaputtlachen und amüsieren oder wenn ich merke, ich habe den Kern einer Sache getroffen. Ich habe übrigens zweimal in den vergangenen Jahren jeweils zwei Grundschulkinder zu Mundartwettbewerbs-Siegern im Rhein-Sieg-Kreis geführt – mit eigenen Mundartstücken und Mundart-Gedichten. Die beiden waren so gut, dass danach die Regularien verändert wurden, damit aus einer Region nur noch einer gewinnen kann und nicht mehr zwei aus Ruppichteroth. 

Du sagst: Du machst natürlich weiter. Wie lange willst du das noch machen? 

Hohn: Ich bin 69. In dem Alter gab es keinen meiner Büttenredner-Vorgänger, der noch auf dem Winterfest aufgetreten ist. Aber solange es so schön ist wie dieses Jahr, denke ich von Winterfest zu Winterfest. Nach 30 Mal kann man jederzeit sagen: „Es reicht jetzt.“ Aber ich werde es nicht aus Ärger sagen oder weil ich’s leid bin oder keine Lust mehr habe. Solange mein Publikum den Döörper Prätscher gut findet, wäre es Quatsch, aufzuhören. Dieses Jahr hatte ich insgesamt zwar nur vier Auftritte, weil es einige Karnevalsveranstaltungen in der Gemeinde leider nicht mehr gibt – deshalb sind es weniger geworden. Die Mühe lohnt sich trotzdem. 

Gibt es eine Bühne, auf der du gern mal auftreten würdest, wo du noch nie warst? 

Hohn: Ich bin schon im oberbergischen Nümbrecht aufgetreten und dieses Jahr zweimal in Much: Bei der Verabschiedung von Feuerwehrchef und Bürgermeister – in meiner Rolle als Döörper Prätscher, mit Mucher Themen. Ich habe auch schon andere Rollen gespielt: Sieben Jahre habe ich in Windeck-Herchen im Haus des Gastes beim Windecker Wirtschaftsforum einen Holländer im Windecker Ländchen dargestellt – mit holländischem Slang – und Windecker Themen und habe die dortige Politik durch den Kakao gezogen. Vielleicht hätte ich früher größer denken sollen, aber so, wie es ist, reicht mir das. Ich mache das in und für Ruppichteroth mit Herzblut. 

Zum Schluss: Wenn du dir ein Thema wünschen könntest, über das du im nächsten Jahr in der Gemeinde nicht herziehen müsstest – was wäre das? 

Hohn: Ich würde mir wünschen, dass es nichts über Bürgermeister Matthias Jedich und die Kommunalpolitik zu lästern gäbe, weil sie alles perfekt machen. Da das aber wahrscheinlich nicht passieren wird, ist das eine schwache Hoffnung. Die Themen werden mir nicht ausgehen.

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