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Internetmagazin für Ruppichteroth und den Rhein-Sieg-Kreis

Interview zur Regionale 2025

"Im ländlichen Raum sollten urbane Dichten entstehen"

Von Nicolas Ottersbach | | Wirtschaft/Politik

Barbara Brakenhoff ist Architektin und seit 2020 als Projektleiterin für die Stadt Sindelfingen im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 Stadtregion Stuttgart tätig. Sie war von 2015 bis 2019 Leiterin der Stadtausstellung „Bundesgartenschau Heilbronn 2019“ und verantwortlich für den ersten Bauabschnitt des neuen Stadtteils Heilbronn-Neckerbogen. Außerdem war sie von 1982 bis 1987 als Sozialplanerin bei der IBA Berlin tätig. Sie berät als Mitglied des Fachbeirats die Regionale 2025 Agentur zu konkreten Entwicklungs- und Transformationsprozessen und Projekten. Im Interview spricht sie über die Chancen von Konversion, die Entwicklung von Urbanität im Bergischen Rheinland und die Zukunft von Wohnformen. Foto: Architektin Barbara Brakenhoff [Gregor Lengler]

Frau Brakenhoff, die IBA will mit konkreten Stadtentwicklungsprojekten Fragen beantworten, wie die Menschen in der Region leben, wohnen und arbeiten werden. Was unterscheidet sie von Regionale 2025 und welche Gemeinsamkeiten gibt es? 
Brakenhoff: Zunächst einmal die Räumlichkeit, international – regional. Damit einher geht der Radius des Publikums, die Werbung, die Logistik und sicherlich auch die Größe und Bedeutung der ausgestellten Objekte. Das prägt natürlich die Haltung und Erwartung der Macher, der Politiker und nicht zuletzt auch der Besucher. Zugleich lassen sich auch andere und größere Geldtöpfe anzapfen. In der IBA Berlin 1987 hatten wir zum Beispiel eine Wanderausstellung, die tatsächlich in die ganze Welt ging, nach Südamerika, China, Afrika. Der Schwerpunkt lag jedoch in Europa, in Deutschland.

Schaut man aber auf die Inhalte, die Sorgfalt und die gedankliche Qualität dieser Ausstellungen, so kann ich eigentlich keine Unterschiede mehr erkennen. Alle haben die großen Entwicklungen im Blick, den Klimawandel, die Aufspaltung der Gesellschaft, die Verstädterung, die Veralterung und so weiter. Besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang die digitale Revolution, die Arbeit, der Konsum, das Einkaufsverhalten, der Verkehr, die intelligente Stadt oder das vernetzte Auto. Und alle Formate – international, national, regional – setzen an Objekten, örtlichen Strukturen, Projekten und Prozessen an. Sie wollen entwickeln, verändern, voranbringen. Und alles möglichst umfassend mit Beteiligung der Betroffenen und der Bevölkerung. Hinzu kommt der Bezug auf einen bestimmten Zeitpunkt, den Ausstellungsjahren. Letzteres macht viele Projekte überhaupt realisierbar. Das Argument „jetzt oder nie“ überwindet viele Hürden und ermöglicht oft auch zusätzliche Gelder. Die Vorhaben müssen regional bedeutsam sein und eine positive, beispielgebende Entwicklung für den Projektraum darstellen.

Welche Wirkungen haben solche Sonderformate wie eine IBA und eine Regionale für Regionen?
Brakenhoff: Ganz kurz und klar: eine immense. Neben den realen Veränderungen, die hergestellt werden, bewegen diese Sonderformate der Stadt- und Regionalentwicklung sehr viele Köpfe. Die Politiker blicken dadurch anders und viel intensiver auf die örtlichen Strukturen, die Menschen haben Anlässe und Begründungen, sich einzubringen und in einen Dialog zu kommen. Und nicht zuletzt werden die realen Lebensverhältnisse verbessert, für manche vielleicht nur ein wenig, für andere sehr stark.

Die Regionale 2025 ist mittlerweile im Regelbetrieb angekommen, die ersten Projekte werden umgesetzt und es liegen inhaltliche Leitlinien für Projekte vor. Wie bewerten Sie den aktuellen Sachstand?
Brakenhoff: Die Strategiepapiere der Regionale 2025 sind aus meiner Sicht die am besten und umfangreichsten ausgearbeiteten Konzepte einer Ausstellung dieser Art. Sie im Vorfeld und in der Startphase des Ereignisses vorliegen zu haben, schärft in jedem Fall den Blick auf die einzelnen Projekte und Maßnahmen wie auch auf das Gesamt-Ensemble und die Schwerpunktsetzungen. Ich kann das so unverblümt sagen, weil ich nicht daran mitgearbeitet, wohl aber von ihnen gelernt habe.

Eines der Regionale-Kernthemen ist Konversion und Transformation von Beständen. Wie bewerten Sie als Architektin und Planerin diese Fokussierung und welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie hierbei für das Bergische Rheinland?
Brakenhoff: Ich halte die Konversion und Transformation für unbedingt geboten. Sie ist eine große Herausforderung unserer Zeit. Auch wenn ich als Architektin mehr Neubau- als Sanierungsprojekte gemacht habe, bin ich starke Verfechterin der längst möglichen Nutzung von Häusern, von Umbau und Sanierung, von Nutzungsänderung und Aufstockung. Jedes Gebäude, jedes Ensemble, jedes Stadtgebiet auf ihre Vielfältigkeit und die Nutzungsvariationen zu erforschen, die Qualifizierungsmöglichkeiten auszuloten und zu realisieren, scheint mir nicht nur im Sinne der Ressourcenschonung unbedingt notwendig, sondern auch im Sinne einer örtlichen Identität, eines menschlichen Wohlfühlens, einer Heimatempfindung.

In der Stadt Sindelfingen haben wir aktuell ein Projekt, bei dem ein ca. acht ha großes Krankenhausareal mit Bestandsgebäuden nicht nur nachhaltig, sondern auch im Sinne der Themen Identität und Heimat umgenutzt werden soll. Dies bietet die Chance, die nachhaltige und sozial-gerechte Entwicklung des Quartiers zu steuern. Ziel ist es, hier einen neuen und produktiven Mix zu schaffen, indem Gewerbe und reine Wohngebiete zu gemischten, lebendigen und kreativen Stadtquartieren weiterentwickelt werden. Wichtige Aspekte sind dabei auch digitale Transformation, innovative Freiraumnutzungen und neue Mobilitätskonzepte.

Dem Thema Wohnen kommt im Bergischen Rheinland eine besondere Bedeutung zu, insbesondere durch die Nähe zur Rheinschiene. Was ist beim Wohnungsbau zu berücksichtigen und welche innovativen Wohnformen sind für den hierzulande eher ländlich geprägten Raum übertragbar?
Brakenhoff: Natürlich brauchen wir auch im Bergischen Rheinland möglichst viel Wohnraum, der zukunftsfähig ist. Corona hat deutlich gezeigt: Arbeit und Versorgung muss dezentral möglich sein und wir müssen Arbeiten und Wohnen stärker zusammen denken. Stichworte in diesem Zusammenhang sind beispielsweise Homeoffice, Werkstätten der 4. Generation, Versorgung, Gesundheit und Erholung, Bildung. Dazu gehört auch preisgünstiges Bauen, das aber oftmals leider nicht möglich ist. Hier müssen sich viele Rahmenbedingungen ändern, etwa dass die Vergabe von Grundstücken nicht in Höchstpreisverfahren, sondern in Konzeptverfahren erfolgt.

Für das Bergische Rheinland gilt: Trotz des Bauens im eher ländlichen Raum sollten urbane Dichten entstehen. Das heißt keine Einzelhäuser auf Riesenflächen und besser Mehrfamilien-Einzelhäuser statt Wohnblöcke. Hier muss perspektivisch das angemessene Maß für diese Orte herausgefunden werden. Zugleich sollten die regionalen Blockstrukturen und Bauweisen aufgegriffen und angepasst gefunden werden. Der Wohnraum sollte Sehnsucht nach dem Neuen wecken und Maßstab der zukünftigen Entwicklung werden. Die soziale Mischung sollte die Akzeptanz der neuen Stadtquartiere sichern: lebendige Stadtviertel mit individuellen Gebäuden für selbstbewusste Menschen.

Eine zentrale Aufgabe für viele Kommunen im Bergischen Rheinland ist die Belebung ihrer Stadt-, Orts- und Dorfmitten. Insbesondere die Etablierung von „neuen Knotenpunkten des öffentlichen Lebens“ – zum Beispiel das Dorfzentrum Leuscheider Land in Windeck – spielt für die Menschen vor Ort eine immer größere Rolle. Welchen Stellenwert messen Sie diesen Orten bei?
Brakenhoff: Einen sehr großen Stellenwert. Es gibt unglaublich viele Argumente, warum die Belebung solcher Knotenpunkte so wichtig ist. Dazu gehört, dass diese Orte Identifikationspunkte für die Bevölkerung sind und Anreize schaffen, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Gleichzeitig wirken sie der gesellschaftlichen Aufsplitterung und Isolierung und Vereinsamung entgegen. Das haben wir insbesondere in der Corona-Pandemie gespürt, in der die Menschen sich nach solchen Begegnungsmöglichkeiten gesehnt haben. Bei der Entwicklung dieser Knotenpunkte sollte man immer darauf achten, Einkaufs- und Versorgungsmöglichkeiten der Menschen ohne Auto zu berücksichtigen.

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