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Internetmagazin für Ruppichteroth und den Rhein-Sieg-Kreis

Blick in den Mund und in die Seele

Von Nicolas Ottersbach | | Magazin

Edith Herbeck war die Zahnärztin einer ganzen Generation. Jetzt übergibt sie nach 23 Jahren ihre Praxis in Ruppichteroth zwei Nachfolgern und geht in den Ruhestand. Fotos: Dr. Edith Herbeck geht in den Ruhestand und hat zwei Nachfolger: Dr. Ahmadreza Rezaei Marbin (links) und Dr. Arozo Ahmadi (rechts) [Nicolas Ottersbach]

Den 3. Oktober 1997 hat Edith Herbeck nie vergessen. Nicht etwa nur, weil sie an diesem Tag ihre Zahnarztpraxis in Ruppichteroth eröffnen wollte. Sondern weil ein Wasserschaden an diesem Tag all die Arbeit der vorherigen Wochen zunichte machte. „Es war der Horror. Ich hatte eine Grippe, schließe die Tür auf, und dann das“, erzählt Herbeck heute.

Sie sitzt auf den bunten Stühlen im Wartezimmer. In der Kleidung, in der sie jeder kennt. Ein weites lilafarbenes Oberteil, dazu ein weiße Hose, dezente Ohrringe. Schmuck an den Händen wäre unpraktisch, er stört in der Praxis. Wie immer liegen die Zeitschriften auf dem kleinen Glastisch, in der Ecke steht Kinderspielzeug. Man mag es kaum glauben: Aber es ist immer noch die erste Einrichtung, die Herbeck nutzt. Nichts ist dreckig, abgewetzt oder gar verwohnt. So gut, wie sie Zähne in Schuss hält, hält sie es auch mit ihren Arbeitsgegenständen. Dass es sich nun um den letzten Wochenenddienst ihrer Karriere handelt, scheint sie selbst noch nicht so recht glauben zu können. „Es ging dann doch alles sehr schnell“, sagt sie.

Mit 58 Jahren ist sie vom Ruhestand rein rechnerisch noch einige Jahre entfernt. „Die meisten Kollegen hören etwa mit 62 auf.“ Es sei schwierig und oft langwierig, Nachfolger zu finden. Vor allem die richtigen: Sie will ihr Lebenswerk niemandem übergeben, den sie nicht für passend hält. Ihren Patienten möchte sie guten Gewissens empfehlen können, weiterhin die Praxis in Schönenberg zu besuchen. „Und jetzt hatte sich Anfang des Jahres diese Chance aufgetan, warum sollte ich sie dann nicht nutzen?“, sagt Herbeck. Ruhestand bedeute für sie, mehr Zeit für sich und ihren Mann zu haben. Pläne hat sie genug: Reisen und Sprachen lernen zum Beispiel.

Chirurgie oder Zahnmedizin?

Dabei ist sie gar nicht so sprachbegabt, zumindest wenn man sich ihren bewegten Lebenslauf anschaut. Schon in jungen Jahren war für sie klar, die medizinische Richtung einzuschlagen. „Ich wollte immer Ärztin werden, aber auch etwas Handwerkliches machen“, erzählt sie. Damit blieben nur die Chirurgie oder die Zahnmedizin übrig. „Aber die Verantwortung, die man am OP-Tisch trägt, war mir zu groß.“

Ihr Heimatland Rumänien war für das Studium nicht der beste Ort. Die zahnmedizinische Vorsorge war im Ostblock zwar gut und sogar deutlich verbreiteter als in Deutschland. Aber Rumänien war eben auch ein bitterarmes, sozialistisches Land. Für Herbeck war es damit unumgänglich, auszuwandern. Dass das Ziel Deutschland sein sollte, brachte ihre Schulbildung mit sich: Sie besuchte eine deutsche Schule, lernte Rumänisch durch ihr Umfeld, und konnte mit ihrem Einser-Abi in Deutschland studieren. Das Auswandern war dennoch schwierig. „Es gab eigentlich nur die Möglichkeit, durch Geld das Land zu verlassen“, erzählt sie. So konnte sie sich mit ihrem Ersparten schließlich die Freiheit erkaufen. Über Ungarn und Österreich ging es mit dem Zug nach Nürnberg, von dort in das Wunsch-Bundesland NRW. Ihre erste Station war jedoch das Flüchtlingslager Unna-Massen, das es auch heute noch gibt.

Neue Heimat Ruppichteroth

Schließlich fand sie in Bonn einen Studienplatz und später eine Anstellung bei einem Arzt in Troisdorf. „Das war eine große Praxis, die aber gleichzeitig sehr familiär war.“ Sie wollte etwas kleines, einen treuen Patientenstamm, den sie persönlich kennt, nicht die Anonymität der Großstädte Köln oder Bonn. Schon in den 1990ern gab es in der Region nichts kleineres und heimeligeres als Ruppichteroth, was Herbeck gefiel. „Aber die Immobilien waren rar. Selbst Bürgermeister Drawz konnte nicht helfen“, sagt sie. Durch Zufall wurde dann aber die Villa an der Rathausstraße in Schönenberg frei. „Zur Miete, aber das kam für meinen Mann und mich nicht infrage.“ Nach langen Verhandlungen stimmte der damalige Eigentümer dann doch einem Verkauf zu.

Für die Herbecks war Rose schon seit 1989 ihre Heimat, Schönenberg wurde acht Jahre später ihr gemeinsamer Arbeitsort. Hans Herbeck baute ein Treppenlift-Unternehmen auf, Edith Herbeck ihre eigene Praxis. Die Beziehung zu den Ruppichterothern war eine spannende Mischung. Die erste Hürde, wie wohl für jeden Zugezogenen, war das Döörper Platt. „Das verstehe ich mittlerweile ganz gut, aber nur, wenn es drumherum ruhig ist“, sagt Edith Herbeck. Und beruflich? „Man war mir als neue und junge Ärztin anfangs sehr skeptisch gegenüber. Aber man hat mich dennoch mit offenen Armen empfangen“, erzählt sie. Ihre ersten Patienten waren meistens Frauen, weil die von ihren Männern vorgeschickt wurden, sozusagen zum auskundschaften. Herbecks direkte Art kam offenbar gut an, denn schon nach wenigen Wochen lief die Praxis.

Unverblümt und direkt

Diese unverblümte Art hat sie sich all die Jahre beibehalten. „Es bringt nichts, wenn man den Menschen etwas aufschwatzt, was sie nicht wirklich wollen“, sagt Herbeck. Einem Menschen, der zufrieden mit seinen Zähnen sei, obwohl sie besser sein könnten, dürfe man nicht zu einer Veränderung drängen. Zudem verfolgt sie den Ansatz, erst eine gute Basis zu schaffen und diese über Jahre auszubauen. Anders gesagt: Wer einmal auf ihrem Stuhl saß, ist dort auch meistens geblieben. Nicht weil er musste, sondern weil er sich gut aufgehoben fühlte.

Dazu trug sicherlich auch bei, dass sich Edith Herbeck jede Kleinigkeit merken konnte. Manchmal fällt ihr nicht direkt der Name des Patienten ein, aber das Gebiss und seine Geschichte kennt sie sicher. „Als Zahnarzt ist man auch ein bisschen Psychologe. Ich habe immer wieder gemerkt, dass die Menschen jemanden brauchen, dem sie Dinge erzählen können. Oft reichte es, ihnen einfach nur zuzuhören.“ Ein Ausgleich für den stressigen Dienst am Patienten, der nicht nur in der Praxis, sondern auch mal an der heimischen Hecke oder beim Einkaufen erfragt wurde, war für die sonst so ausgeglichene Person die Natur: In der Mittagspause sah man sie oft durchs Grüne spazieren. Immer zügig, um fit zu bleiben.

"Als ich anfing, waren viele Zähne schlecht"

In der Zahnmedizin hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert, nicht nur was Methoden wie Röntgenbilder oder verwendete Materialien betrifft. „Als ich anfing, waren viele Zähne schlecht“, sagt Herbeck. Was aber nicht nur an schlechter Zahnpflege, sondern vor allem an schlechter Prophylaxe lag. Die Generation, die mit Herbecks Blick in den Mund aufwuchs, hat kaum noch Probleme mit dem Gebiss und wird die Zähne vermutlich auch bis ins hohe Alter behalten können. Gute und weiße Beißer gelten, anders als noch vor 30 Jahren, als Schönheitsideal. Wie sie selbst ihre Zähne in Schuss hält? Mit der Disziplin, die sie schon immer an den Tag legte. „Ich habe feste Mahlzeiten und esse keine Snacks, putze regelmäßig und trinke nur Leitungswasser.“ Da wirkt es fast wie Ironie, dass dieses Leitungswasser ihr immer wieder Sorgen bereitete: Insgesamt vier Wasserschäden trafen ihren Praxis. Seitdem stellt sie jeden Abend die Leitungen ab.

Neues "Zahn Karree" öffnet im Januar

Ob ihre Nachfolger das auch so machen werden, weiß sie nicht. Sie will ihnen in der Übergangszeit zur Seite stehen, aber auch Freiraum lassen, sich selbst zu entwickeln. Die beiden Zahnärzte Ahmadreza Rezaei Marbin (38) und Arozo Ahmadi (30) haben sich aus demselben Grund für Ruppichteroth entschieden, wie einst Herbeck: Eine Praxis auf dem Land zu gründen, in der man eine langjährige Bindung zu den Patienten aufbauen kann. „In den Großstädten ist das anders, man kennt seine Patienten nicht so gut, weil so ein großer Durchlauf herrscht“, sagt der Kieferorthopäde Marbin, der viele Jahre in Köln arbeitete. Seine Kollegin Ahmadi, die wie Herbeck klassische Zahnärztin ist, war zuletzt in Siegburg beschäftigt. Er stammt aus dem Iran, sie aus Afghanistan, beide studierten Zahnmedizin in Gießen. Für Ruppichteroth wollen sie ein Gesamtpaket anbieten und öffnen deshalb als „Zahn Karree“. Zwei Wochen, nachdem Herbeck das letzte Mal die Tür zu ihrer alten Praxis abgeschlossen hat, am 4. Januar. Hoffentlich ohne Wasserschaden.

Korrektur: In einer ersten Version des Artikels haben wir die Namen der neuen Zahnärzte Ahmadreza Rezaei Marbin und Arozo Ahmadi falsch geschrieben. Er stammt aus dem Iran, sie aus Afghanistan, beide studierten Zahnmedizin in Gießen. Wir bitten die Fehler zu entschuldigen.

Kommentare

  • Georg Rombach 04.12.2020 um 16:16

    Drei vertrauensvolle Gesichter. Werde auch weiterhin der Praxis treu bleiben. Vielen Dank, der Bericht trifft auch meine Meinung. Ich hoffe wir sehen uns trotzdem öfter. Deine Leistungen waren immer überragend.

  • M. Reckhaus 04.12.2020 um 13:56

    Liebe Frau Dr. Herbeck! Sie waren für mich die beste Zahnärztin, die ich je hatte. Herzlichen Dank für Ihre jahrelange Betreuung. Sie werden mir fehlen. Für Ihren wohlverdienten Ruhestand wünsche ich Ihnen von Herzen alles alles Gute.

  • Bernd Tix 03.12.2020 um 22:13

    Wir wünschen dir liebe Edith alles Gute für den neuen Lebensabschnitt, fühlten uns immer perfekt betreut und wünschen natürlich deinen Nachfolgern nur das Beste und das notwendige Fingerspitzengefühl und viel Erfolg.

  • Elisabeth Scholz-Köster 03.12.2020 um 21:31

    Sie war die beste Zahnärztin. Ich Wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft und bleiben Sie so wie sie sind einfach spitze.

  • Ingrid Köster 03.12.2020 um 20:48

    Wünsche der Chefin für ihre weitere Zukunft alles Gute - vor ALLEM GESUNDHEIT!

  • Rita Sill 03.12.2020 um 20:06

    Für mich war Frau Dr. Herbeck die beste Zahnärztin, die ich je hatte. Sie war eine Zahnärztin, der man unbedingt vertrauen konnte ( ich hab auch andere erlebt). Ich sage Danke für die Jahre, in denen sie mich so gut behandelt hat. Sie war für ihre Patienten ein Glücksgriff. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge wünsche ich ihr das beste für ihre Zukunft.

  • Klaus-Dieter Müller 03.12.2020 um 19:57

    Ein sehr bewegender treffender Bericht.

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