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Internetmagazin für Ruppichteroth und den Rhein-Sieg-Kreis

Eiserner Schreiner

Von Nicolas Ottersbach | |   Sport

Giovanna Reinl sitzt auf dem Fahrsteig der Bushaltestelle im Bröltal. Sie hat ihr Handy fest im Blick, schaut immer wieder auf die Uhr, seit knapp zehn Minuten. Außer den Autos, die mit Tempo 100 vorbeibrettern, passiert nichts. „Ob ich ihm etwas mitgeben soll?“, fragt ihre Mutter Susanne, die hinter ihr auf und ab geht. „Er will bestimmt nichts, hat doch gerade erst“, antwortet Giovanna. Fotos: Kai Reinl bei seinem Triathlon [Nicolas Ottersbach]

Genauso kommt es auch. Es dauert nur Sekunden, in denen Vater und Mann Kai Reinl auf dem Rennrad vorbeirast. Er lächelt, zeigt den rechten Daumen nach oben und greift nicht nach der kleinen Tube Energie-Gel. Susanne Reinl jubelt. Giovanna filmt mit dem Handy und macht mit einer kleinen Rassel Lärm. Wie schon so oft an diesem Sonntag.

Prominente Begleiter

Es ist Kai Reinls zweiter Triathlon. 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer laufen. Eine Strecke von Ruppichteroth bis nach Bielefeld, die man mit dem Auto in zweieinhalb Stunden schafft. Der 51-Jährige braucht etwas mehr als elf Stunden. Eine beachtliche Zeit, die ihm nicht nur Familie und Freunde an diesem Tag attestieren, sondern auch seine Begleiter. Rainer Nagel, der beim Iron Man in Hawaii startete, fährt ihm auf dem Rennrad hinterher. Hindernislauf-Olympiateilnehmerin Sanaa Schretzmair rennt beim Marathon neben ihm.

6000 Kalorien verbrannt

Reinl ist selten alleine. Als er um 7:30 Uhr in die Aggertalsperre springt. Als er nach 1:23 Stunden aus dem Wasser kommt und auf das Rad steigt. Auf der Straße im Bröltal und Homburger Bröltal sind neonfarbene Daumen-Hoch-Logos aufgesprüht, kleine Plakate mit „Go Kai“ stehen am Straßenrand. Vor seinem Haus in Nümbrecht-Haan, wo er gegen 14:30 Uhr vom Rad in die Turnschuhe, wechselt, haben sich alle versammelt. Insgesamt sieben Mal kommt er an dieser Stelle vorbei. Reinl läuft keine große Runde, sondern eine Pendelstrecke. Nicht ganz ohne Steigungen, aber doch angenehmer, als die üblichen bergischen Berge. An mehreren Stationen liegen Energie-Gels bereit. Flüssignahrung kann der Körper leichter verarbeiten. Neben Wasser gibt es auch mal verdünnte Cola. Neben Gel aus der Tube kleingeschnittene Bananen. 6000 Kalorien braucht Reinl für den Lauf.

„Klar, das steht doch außer Frage“

Die Erschöpfung ist ihm an den Orten, an denen man ihn erblickt, nicht anzusehen. Hinter der Sonnenbrille und unter der Kappe lächelt er. Reinl winkt oft. Während er sich die Turnschuhe an der Wechselstation bindet, sagt er "Hi". Manche Sportler sind in solchen Situationen im Tunnel. Reinl ist eher gesprächig. Und vorlaut. Auf ein „Du schaffst das“ entgegnet er: „Klar, das steht doch außer Frage.“ Es gibt aber auch Momente, in denen er sich abschottet. Sohn Gianluca hat ihn beim Marathon auf dem Rad begleitet, ihm Getränke oder auch einen Schwamm angereicht. „Anfangs habe ich ihm ein bisschen was erzählt, das wollte er später nicht mehr“, sagt er. Übel nimmt ihm das keiner.

Eigentlich wollte Reinl an diesem Tag beim Iron Man-Lauf in Frankfurt starten. Wegen der Coronakrise musste das Massenevent allerdings ausfallen. Für Reinl wäre das ganze Training dann umsonst gewesen, weshalb aus einer Laune heraus der eigene „Holzwurm-Triathlon“ entstand. Iron Man darf er ihn nicht nennen – der Name ist eine geschützte Marke. Weniger anstrengend wird das Ganze dadurch nicht. Ohnehin ist er als Schreiner eher Holz als Eisen zugeneigt.

Eiserne Disziplin

„Die Nacht davor hat er schlecht geschlafen“, sagt Susanne Reinl. Überhaupt müssen die vergangenen Wochen genau so eine Tortur gewesen sein, wie der Wettkampftag selbst. Giovanna und Gianluca erzählen von „eiserner Disziplin“ und einem „komplett strukturieren Tag“. Von morgens bis abends den eigenen Betrieb, eine Tischlerei, führen. Danach das Training. Laufen, Radfahren, Schwimmen. Immer abwechselnd, nie zusammen. „Nur am Wochenende war er mal den ganzen Tag weg, dann aber zum Duathlon“, sagt Giovanna. Das einzige, woran er sich noch mehr gehalten hat, als das Training, ist das gemeinsame Abendessen mit der Familie.

Zusammenhalt motiviert ihn. Und rührt ihn, im Zieleinlauf hat er Tränen in den Augen. In der Whatsapp-Gruppe, in der 50 Personen seinen Triathlon verfolgen, schreibt er: „Den Start auf die letzte Runde werde ich nie vergessen, mehr Stimmung geht nicht.“ Ein Mann schüttet ihm ein Bierglas über den Kopf, eine Frau schenkt ihm einen selbstgebastelten Siegerkranz aus einem goldenen Schwimmreifen.

„Nie wieder“

Die ersten Worte, die er im Ziel verliert: „Nie wieder.“ Die nächsten, nach denen er seine Frau Susanne gedrückt hat: „Bring mir bitte ein Bier.“ Sie holt ihm ein Kölsch. „Ne, eins ohne.“ Dass er nie wieder starten wird und sich auf seiner Zeit ausruht, glaubt ihm an der Ziellinie keiner. Am nächsten Tag relativiert Reinl seine Aussage selbst: „Ich habe gestern Abend auf der Treppe zwei Stufen auf einmal genommen. Und heute auch erstaunlich gut, da wäre gestern noch mehr gegangen.“

Kommentare

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Franz Josef kraus  29.06.2020 22:42

Echtes Eichenholz. Super Kai.


 

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