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Leben für das Turnen

Von Nicolas Ottersbach | |   Magazin

Mit den Füßen zieht sich Josef Bestgen die Turnschuhe aus, reibt sich die Hände mit Magnesiumpulver ein und steigt auf die blaue Turnmatte. Er stützt sich mit festem Griff auf dem Reck ab und bringt seinen stämmigen Körper zum Schwingen. Und das kurz nach seinem 80. Geburtstag. Seit fast 65 Jahren ist er Mitglied im Ruppichterother Turnverein, leitet seit Jahrzehnten die Abteilung Turnen und trainiert den Nachwuchs. Das brachte ihm den Titel "Ruppichterother Turnvater" ein. Fotos: 80. Geburtstag und Ehrung der Vereinsmitglieder

Zu seinem 80. organisierte der Verein ein Fest - natürlich in der Turnhalle. Was Bestgen viel mehr begeisterte als Reden und Ehrungen waren die Turner: Mädchen und Jungen aus dem eigenen und befreundeten Vereinen zeigten ihr Können an Reck, Barren und auf dem Schwebebalken. "Das fasziniert mich seit Jugendtagen", sagt Bestgen. Er kann sich einfach nicht sattsehen. So fing auch alles an, als er mit 16 Jahren das erste Mal bei einer Turnübung zusah. Damals gab er den Fußball für das Turnen auf. "Ich konnte sowieso nicht ordentlich vor den Ball treten", gibt Bestgen zu.

Seine Mitgliedskarte für den Turnverein erhielt er am 1. September 1947. Geboren wurde Bestgen in Köttingen. Seine Eltern bauten in den 30er Jahren ein Haus an der Nümbrechter Straße, heute wohnt er mit seiner Frau Hildegard nur wenige Meter weiter. Nach dem Tod seiner Mutter 1946 begann er eine Schreinerlehre in Oeleroth, blieb dort ein Jahr lang als Geselle. 1951 machte er sich auf die Reise in das zerbombte Köln, mit dem Fahrrad. In den ersten Nächten kam der junge Bestgen im Dombunker unter. Er fand Beschäftigung als Bauhilfsarbeiter, wohnte in der Lagerräumen von Firmen. Bis er der Kolpingfamilie beitrat, die ihm eine Wohnung im Kolpinghaus besorgte. Gemeinsam mit über 400 Kollegen. Zu einigen von ihnen hat er immer noch Kontakt, sogar bis nach Australien. Foto: Bestgen am Barren in der Turnhalle an der Ruppichterother Grundschule

Obwohl er eine sichere Anstellung als Schreiner fand, gab er die Arbeitsstelle nach einigen Jahren auf und schwang sich wieder aufs Rad. Diesmal ging es ins Mainzer Kolpinghaus. "Arbeit bekam ich schon am nächsten Morgen", sagt Bestgen. Dort trat er dem Turnverein von 1817 bei, turnte in der ersten Riege und leitete eine Kindergruppe. Bald bekam er Heimweh, fuhr er mit dem Drahtesel zurück nach Köln. Einmal vom Turnfieber infiziert, trat er der Kölner Turnerschaft von 1843 bei. Das brachte ihm Kontakte zur Sporthochschule und den Nationamannschaftsturnern Adalbert Duckhut und Helmut Banz. Mit denen traf Bestgen sich dann auch mal auf ein Bier.

Diese Bekanntschaft brachte ihm die einzige Autogrammstunde seines Lebens ein. Nachdem er Ende der 50er Jahre wieder in Ruppichteroth lebte und fast seine gesamte Freizeit im TV 1888 verbrachte, nahm er an vielen Turnfesten teil. So auch in Waldbröl. Er kam mit seinen Turnern in das Festzelt und zeigte seinen Ausweis der Kölner Sporthochschule. Sofort besorgten ihm die Veranstalter einen Platz in der ersten Reihe, direkt nehmen Helmut Banz. Später schrieb Banz fleißig Autogramme und schob die Zettel und Bierdeckel zu Bestgen weiter. "Da habe ich mit unterschrieben und über hundert Autogramme gegeben", sagt er. Foto: Ende der 50er Jahre beim Deutschen Turnfest, v.l. Friedhelm Honscheid, Hans Beiert, Josef Bestgen, Ellen Bertram, Herbert Hohn und Ernst-Willi Bickenbach

1961 legte Josef Bestgen seine Meisterprüfung ab und gründete seine eigene Tischlerei, die es heute noch unter der Führung von Kai Reinl gegenüber seines Wohnhauses gibt. Reinl war einer seiner vielen Lehrlinge, die er bis zu seinem Ruhestand 2005 ausbildete. Dafür erhielt er die Ehrenurkunde der Tischlerinnung, von der Handwerkskammer bekam er den goldenen Meisterbrief verliehen.

Gerne denkt er an die goldene Turnzeit in Ruppichteroth zwischen 1955 und 1975. Damals gab es noch eine Leistungsriege mit Hans Beiert, Ernst-Willi Bickenbach, Herbert Hohn, Paul Stommel, Hans Weitzel und Bestgen selbst. Bei jedem Deutschen Turnfest waren sie dabei. Man baute die Turnhalle an der Ruppichterother Grundschule, um nicht mehr in Sälen trainieren zu müssen. Bei den Wettkämpfen waren die Bröltaler so erfolgreich, dass sonntags sogar Besucher kamen, um ihnen beim Training zuzuschauen. Dann war der Boom im Geräteturnen vorbei, die Riegen lösten sich auf. Zeitweise blieben nur Hohn und Bestgen übrig. Foto: Herbert Hohn und Josef Bestgen beim Deutschen Turnfest 1987 in Berlin

Heute fehlt die Leistungsriege im Ruppichterother Turnverein komplett. "Das tut mir in der Seele weh", sagt Bestgen. Den Kindern und Jugendlichen fehle die Begeisterung für den Sport, obwohl oder gerade weil viele über Übergewicht und Unsportlichkeit klagen. Durch die Ganztagsschulen bleibe zudem zu wenig Zeit für den Vereinssport. Trotzdem wirbt er stetig um Nachwuchs und hofft auf eine Trendwende. Rund 30 Jungen und Mädchen lernen derzeit unter seiner Leitung das Turnen. "Noch schwieriger ist es aber, einen Nachfolger zu finden", ist der Ruppichteorther Turnvater besorgt. Obwohl er selbst noch turnt, könne er den Trainerjob nicht ewig machen. Aber solange wie möglich.

Wer gerne Turnen möchte oder sich vorstellen kann, als Übungsleiter zu helfen, kann sich auf der Internetseite des Turnvereins oder direkt bei Josef Bestgen unter der Rufnummer 02295/6362 informieren.

Surftipp: www.turnverein-1888.de

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